Warum Künstler stehlen dürfen (sollten)
Notizen zur Kunst von Katrin Hoerner
Impression vom Akademiefest der Kunstakademie EigenArt
Pablo Picasso gilt zurecht als einer der große Innovatoren der Kunst des 20. Jahrhunderts. Er war Mitbegründer des Kubismus, beeinflusste den Surrealismus, brachte Elemente aus afrikanischer Kunst und des Klassizismus in die Moderne.
Gleichzeitig war Picasso ein bekennender Dieb. Ihm wird das Zitat „Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen“ zugeschrieben. Allerdings hat er dieses Zitat, sofern es überhaupt aus seinem Mund kam, von dem Aufklärer Voltaire geklaut. Der bemerkte schon im 17. Jahrhundert: „Originalität ist nichts weiter als kluge Nachahmung.“
Picasso war ein begabter Nachahmer
In seiner erste Ausstellung in Paris im Jahr 1901 zeigte Picasso mehr als 60 Werke in einer riesigen Vielfalt von Stilen. Er hatte Werke von spanischen Landsmännern wie Goya, Velázques, El Greco kopiert, Impressionisten und Postimpressionisten wie Degas, Cézanne, Gauguin und Toulouse-Lautrec. Picasso demonstrierte sein handwerkliches Können, die Virtuosität eines Imitators, aber keine eigene Idee.
Im selben Jahr noch kam die Wende vom Nachahmer zum Dieb: Der Künstler entwickelte aus allem, was er als Kopist gelernt hatte, im selben Jahr noch seine eigene künstlerische Haltung und startete die berühmte „Blaue Periode“.
Kopieren bedeutet zerlegen, verstehen, üben
Kopieren ist die wichtigste Lernmethode von uns Säugetieren. Kinder lernen zu gehen, zu sprechen, zu singen, indem sie Erwachsene nachahmen. Musikerinnen spielen die Stücke anderer, bevor sie eigene komponieren. Schriftsteller schreiben im Stil eines verehrten Dichters, bis sie ihre eigene Sprache finden. Kopieren bedeutet zerlegen, verstehen, üben, einem Vorbild nachzuahmen, aber nicht seine Arbeit als die eigene auszugeben.
Stehlen geht über das Kopieren hinaus
Stehlen heißt, sich etwas an-eignen. Es bedeutet, Prinzipien zu extrahieren und in einen neuen Kontext zu überführen, nicht die Oberfläche zu übernehmen, sondern die Logik dahinter. Für Künstler bedeutet das, die Ideen von Vorbildern zu verstehen und sie sich zu eigen machen, im Sinne von: etwas Eigenes daraus machen.
Und selbst, wenn wir uns kein konkretes Vorbild nehmen, nicht uns bewusst etwas an-eignen – unsere Kunst, unser Stil setzt sich zusammen aus all dem, was wir gesehen haben, was uns beeindruckt und begleitet hat. Goethe sagte: „Wir werden geformt und gestaltet durch das, was wir lieben.“
In einer Reihe mit kreativen Ahnen und Nachkommen
Deshalb muss sich die Künstlerin, die stiehlt, nicht als Diebin sehen, sondern in einer Reihe mit kreativen Menschen, die vor ihr kamen und schufen und weiteren, die nach ihr kommen werden. Originell wird unser Werk dann, wenn wir unsere eigene höchstpersönliche Perspektive einbringen und auf diese Weise etwas schaffen, das nur wir hervorbringen können.
Einladung zum Akademiefest am 1. Mai
Mein Vorschlag, falls sie vielfältige Inspiration suchen: Kommen Sie am 1. Mai zum Akademiefest der Kunstakademie EigenArt. Über 30 unserer Dozenten zeigen ihre Werke, wir verleihen den Kunstpreis Artus und kommen ins Gespräch über das, was uns beeindruckt – Kunst.
PS: Die Ideen zu diesem Text habe ich nicht gestohlen, sie wurden inspiriert von Will Gompertz „Denken wie ein Künstler“, von Austin Kleon „Alles nur geklaut“ und von Melanie Raabe „Kreativität“.
Alle Beiträge der Notizen zur Kunst lesen Sie hier.
Künstlerisches Profil von Katrin Hoerner
Katrin Hoerner M.A. (Studium der Kunstgeschichte, Neuere Literaturgeschichte und Kommunikationswissenschaft) verbindet über 30 Jahre Erfahrung als Journalistin mit einer fundierten Ausbildung im kreativen und therapeutischen Schreiben. Seit 2011 leitet sie die Kunstakademie EigenArt in Bad Heilbrunn und ist seit 2024 auch als Dozentin dort tätig. In ihren Kursen – etwa „Intuitiv Schreiben“, „Autobiografisch schreiben“ oder „Achtsam schreiben“ – vermittelt sie, wie wir unserer inneren Stimme folgen und mit allen Sinnen aus dem Moment heraus schreiben. Es entstehen Texte, die wahrhaftig, lebendig und oft überraschend sind. |
Kurse 2026 mit Katrin Hoerner
Autobiografisch schreiben – | 13. Mai 2026 |
Vom Wort zum Bild – Haiku dichten und gestalten | 01./02. August 2026 |
Intuitiv schreiben – Entdecke deine Schreibstimme | 12. bis 13. September 2026
Kalligrafie - Haiku dichten, schreiben, illustrieren | 08. bis 11. Oktober 2026 |
Achtsam schreiben | 29. November 2026 |
Vom Wort zum Bild – Haiku dichten und gestalten | 01./02. August 2026 |
Intuitiv schreiben – Entdecke deine Schreibstimme | 12. bis 13. September 2026
Kalligrafie - Haiku dichten, schreiben, illustrieren | 08. bis 11. Oktober 2026 |
Achtsam schreiben | 29. November 2026 |