Muss Kunst schön sein?
Notizen zur Kunst von Katrin Hoerner
Francisco de Goya, Saturn verschlingt seinen Sohn, 1819–1823 (Public Domain)
“Richtig” und “schön” zeichnen, malen oder gestalten lernen – das wollen viele Künstler:innen am Anfang ihrer Entwicklung. Später verfolgen sie oft ganz andere Ziele. Dazu mehr weiter unten im Artikel.
Der Wunsch nach Schönheit lässt sich in der Menschheitsgeschichte weit zurückverfolgen: Schon vor Jahrtausenden bearbeiteten unsere Vorfahren ihre Faustkeile symmetrisch und ritzten geometrische Muster in Gefäße. Einen praktischen Sinn hatte das nicht, denn asymmetrische Faustkeile und schmucklose Schüssel erfüllten ihre Aufgabe genauso gut. Schon frühe Menschen scheinen also einen Hang zur Schönheit gehabt zu haben.
Schön, aber nicht oberflächlich
In der Antike galt das Ideal der Harmonie. Die perfekte Proportion war Ausdruck einer kosmischen Ordnung und ästhetischen Vorstellung, die seither die abendländische Kultur prägt. Gotische Kathedralen streben mit ihren spitzen Bögen in den Himmel. In der Renaissance ließen Leonardo da Vinci, Michelangelo und Kollegen die ästhetischen Standards der Antike wieder aufleben: Sie legten ihren Werken mathematische Verhältnisse in Proportion und Perspektive zugrunde.
Allerdings bedeutete Schönheit schon vor Jahrhunderten nicht zwangsläufig Gefälligkeit: Man denke an Hieronymus Boschs “Hölle”, Artemisia Gentileschis “Judith enthauptet Holofornes” oder Francesco Goyas “Saturn verschlingt seinen Sohn”. Die dargestellten Motive sind schrecklich, doch entspricht ihre formale Ausführung den antiken Gesetzmäßigkeiten der Ästhetik. Schon damals hatte Kunst auch die Funktion der Irritation und kritischen Hinterfragung.
Kunst darf irritieren, verstören, provozieren
Am Anfang des 20. Jahrhunderts setzten Künstler das Postulat der klassischen Ästhetik mit all ihren Gesetzen außer Kraft. Expressionisten arbeiteten roh und gaben die Lokalfarbe auf. Künstler wie Pablo Picasso und Georges Braque zerlegten die Form, vernachlässigten Proportion und Perspektive. Später steigerten Maler wie Francis Bacon diese Irritation. Seine Figuren sind verzerrt, entstellt, teilweise verstörend. Werke von Künstlern wie Joseph Beuys oder Marina Abramovic drehen sich nicht um Schönheit, sondern wollen den Diskurs anregen.
Spätestens seit dem 20. Jahrhundert gilt: Kunst ist nicht mehr an Schönheit gebunden. Sie darf irritieren, verstören, provozieren.
Trotz dieser Entwicklung suchen viele Menschen – gerade mit ihren eigenen künstlerischen Arbeiten – nach dem Schönen in der Kunst. Das ist nachvollziehbar. Schönheit beruhigt, schafft Ordnung, signalisiert Können. Ein „schönes“ Kunstwerk findet oft breite Zustimmung.
Kunst soll Erkenntnis bringen, nicht gefallen
Aber genau darin liegt eine verpasste Chance. Wer auf Schönheit abzielt, vermeidet Risiko und bleibt im Bekannten. In den Kuntkursen an der EigenArt sehe ich das regelmäßig: Der erste Entwurf ist mutig und innovativ. Sobald die Künstlerin dann versucht, das Werk zu „verschönern”, werden Kontraste abgeschwächt, Kompositionen symmetrischer gestaltet, Farben harmonischer gesetzt. Das Ergebnis wird gefälliger – aber oft weniger entschieden und weniger spannend als der erste Ansatz. Viele, die das erkennen, machen sich dann auf die Suche nach der vielleicht roheren, aber ausdrucksstärkeren und authentischeren Version ihres Werks.
Ich persönlich finde, dass Kunst schön sein darf, Schönheit aber kein Qualitätsmerkmal darstellt. Für mich ist Kunst dann gut, wenn sie etwas in mir auslöst. Ich halte es mit Pablo Picasso, der sagte: “Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt.”
Um die Freiheit der Kunst geht es in unserem Kunstwettbewerb. Bis zum 1. April können Sie sich noch bewerben. Hier lesen Sie die Teilnahmebedingungen zum Kunstwettbewerb um den Kunstpreis Artus 2026.
Der Wunsch nach Schönheit lässt sich in der Menschheitsgeschichte weit zurückverfolgen: Schon vor Jahrtausenden bearbeiteten unsere Vorfahren ihre Faustkeile symmetrisch und ritzten geometrische Muster in Gefäße. Einen praktischen Sinn hatte das nicht, denn asymmetrische Faustkeile und schmucklose Schüssel erfüllten ihre Aufgabe genauso gut. Schon frühe Menschen scheinen also einen Hang zur Schönheit gehabt zu haben.
Schön, aber nicht oberflächlich
In der Antike galt das Ideal der Harmonie. Die perfekte Proportion war Ausdruck einer kosmischen Ordnung und ästhetischen Vorstellung, die seither die abendländische Kultur prägt. Gotische Kathedralen streben mit ihren spitzen Bögen in den Himmel. In der Renaissance ließen Leonardo da Vinci, Michelangelo und Kollegen die ästhetischen Standards der Antike wieder aufleben: Sie legten ihren Werken mathematische Verhältnisse in Proportion und Perspektive zugrunde.
Allerdings bedeutete Schönheit schon vor Jahrhunderten nicht zwangsläufig Gefälligkeit: Man denke an Hieronymus Boschs “Hölle”, Artemisia Gentileschis “Judith enthauptet Holofornes” oder Francesco Goyas “Saturn verschlingt seinen Sohn”. Die dargestellten Motive sind schrecklich, doch entspricht ihre formale Ausführung den antiken Gesetzmäßigkeiten der Ästhetik. Schon damals hatte Kunst auch die Funktion der Irritation und kritischen Hinterfragung.
Kunst darf irritieren, verstören, provozieren
Am Anfang des 20. Jahrhunderts setzten Künstler das Postulat der klassischen Ästhetik mit all ihren Gesetzen außer Kraft. Expressionisten arbeiteten roh und gaben die Lokalfarbe auf. Künstler wie Pablo Picasso und Georges Braque zerlegten die Form, vernachlässigten Proportion und Perspektive. Später steigerten Maler wie Francis Bacon diese Irritation. Seine Figuren sind verzerrt, entstellt, teilweise verstörend. Werke von Künstlern wie Joseph Beuys oder Marina Abramovic drehen sich nicht um Schönheit, sondern wollen den Diskurs anregen.
Spätestens seit dem 20. Jahrhundert gilt: Kunst ist nicht mehr an Schönheit gebunden. Sie darf irritieren, verstören, provozieren.
Trotz dieser Entwicklung suchen viele Menschen – gerade mit ihren eigenen künstlerischen Arbeiten – nach dem Schönen in der Kunst. Das ist nachvollziehbar. Schönheit beruhigt, schafft Ordnung, signalisiert Können. Ein „schönes“ Kunstwerk findet oft breite Zustimmung.
Kunst soll Erkenntnis bringen, nicht gefallen
Aber genau darin liegt eine verpasste Chance. Wer auf Schönheit abzielt, vermeidet Risiko und bleibt im Bekannten. In den Kuntkursen an der EigenArt sehe ich das regelmäßig: Der erste Entwurf ist mutig und innovativ. Sobald die Künstlerin dann versucht, das Werk zu „verschönern”, werden Kontraste abgeschwächt, Kompositionen symmetrischer gestaltet, Farben harmonischer gesetzt. Das Ergebnis wird gefälliger – aber oft weniger entschieden und weniger spannend als der erste Ansatz. Viele, die das erkennen, machen sich dann auf die Suche nach der vielleicht roheren, aber ausdrucksstärkeren und authentischeren Version ihres Werks.
Ich persönlich finde, dass Kunst schön sein darf, Schönheit aber kein Qualitätsmerkmal darstellt. Für mich ist Kunst dann gut, wenn sie etwas in mir auslöst. Ich halte es mit Pablo Picasso, der sagte: “Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt.”
Um die Freiheit der Kunst geht es in unserem Kunstwettbewerb. Bis zum 1. April können Sie sich noch bewerben. Hier lesen Sie die Teilnahmebedingungen zum Kunstwettbewerb um den Kunstpreis Artus 2026.
Künstlerisches Profil von Katrin Hoerner
Katrin Hoerner M.A. (Studium der Kunstgeschichte, Neuere Literaturgeschichte und Kommunikationswissenschaft) verbindet über 30 Jahre Erfahrung als Journalistin mit einer fundierten Ausbildung im kreativen und therapeutischen Schreiben. Seit 2011 leitet sie die Kunstakademie EigenArt in Bad Heilbrunn und ist seit 2024 auch als Dozentin dort tätig. In ihren Kursen – etwa „Intuitiv Schreiben“, „Autobiografisch schreiben“ oder „Achtsam schreiben“ – vermittelt sie, wie wir unserer inneren Stimme folgen und mit allen Sinnen aus dem Moment heraus schreiben. Es entstehen Texte, die wahrhaftig, lebendig und oft überraschend sind.
Kurse 2026 mit Katrin Hoerner
Autobiografisch schreiben – | 13. Mai 2026 |
Vom Wort zum Bild – Haiku dichten und gestalten | 01./02. August 2026 |
Intuitiv schreiben – Entdecke deine Schreibstimme | 12. bis 13. September 2026
Kalligrafie - Haiku dichten, schreiben, illustrieren | 08. bis 11. Oktober 2026 |
Achtsam schreiben | 29. November 2026 |
Vom Wort zum Bild – Haiku dichten und gestalten | 01./02. August 2026 |
Intuitiv schreiben – Entdecke deine Schreibstimme | 12. bis 13. September 2026
Kalligrafie - Haiku dichten, schreiben, illustrieren | 08. bis 11. Oktober 2026 |
Achtsam schreiben | 29. November 2026 |